Monatslied

Texte: Caroline Marti

So klingt das Monatslied
«Wer singt, betet doppelt» sagte bereits der alte Kirchenvater Augustinus – und Luther pflichtete ihm bei.
In der reformierten Kirche Münsingen wird gut gesungen und es ist eine Freude, diesen Gesang an der Orgel zu begleiten. Dennoch höre ich immer wieder Bemerkungen wie: «Ich konnte gar nicht singen.» «Das waren wieder unbekannte Lieder!»
Darum biete ich ab diesem Jahr an, in der Regel am ersten Sonntag des Monats das Monatslied zu üben. Ausnahmen sind möglich, darum beachten Sie die Ausschreibung im «reformiert.»
Jeweils vor dem Gottesdienst um 9.30 Uhr in der reformierten Kirche Münsingen
Alle sind herzlich willkommen.


Monatslied Mai 2022
Liebe ist nicht nur ein Wort RU 286
Sowohl Text als auch Melodie stammen aus dem Jahr 1973. Es geht um drei Begriffe, die nicht nur Worte, sondern auch Taten seien, so schreibt der Autor Eckart Brücken. «Als Zeichen der Liebe ist Jesus geboren. Als Zeichen der Freiheit ist Jesus gestorben. Als Zeichen der Hoffnung ist Jesus lebendig.» Zu jedem dieser Worte wird ein Bibelvers angegeben. Zur Liebe steht in Joh 3,16: «Denn so sehr hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen einzigen Sohn gab.» Paulus ermahnt die Galater in der christlichen Freiheit festzustehen. Gal 5,1: «Für die Freiheit hat uns Christus frei gemacht; darum stehet fest und lasset euch nicht wieder unter ein Joch der Knechtschaft bringen.» Im Brief an die Kolosser 1,27 schreibt Paulus: «Ihnen (allen, die Gott in seine Gemeinschaft ruft) wollte Gotte kundtun, welches der Reichtum der Herrlichkeit dieses Geheimnisses unter den Heiden sei, welcher ist: Christus in euch, die Hoffnung
auf die Herrlichkeit.»
«Liebe ist nicht nur ein Wort, Liebe das sind Worte und Taten.» Dazu gehört, jemanden wahrzunehmen, zu respektieren mit all seinen Seiten, ihn nicht klein zu machen und ihm zu sagen, was er alles nicht ist und nicht kann. Wo Liebe im Alltag fehlt, kann es zur Belastung werden, wo sie gelebt wird, kann sie zum Segen werden.
Der zweistimmige Satz ist schlicht gehalten. Das Tempo ist eher ruhig zu wählen, da sonst die kleinen Notenwerte gehetzt und unruhig wirken.

Monatslied April 2022
Deinen Tod, Herr, verkünden wir RU 118
«Deinen Tod, o Herr, verkünden wir…» ist als Antwortgesang der Gemeinde seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil fester Bestandteil der katholischen Eucharistiefeier.
Seit 1998 steht dieser Gesang im reformierten Gesangbuch unter der Nummer 310 in der ökumenischen Fassung und sucht sich in der reformierten Abendmahlsliturgie als Antwort auf die Einsetzungsworte festzusetzen. Pfarrperson und Gemeinde singen im Dialog: «Geheimnis des Glaubens:» – «Deinen Tod, o Herr, verkünden wir, und deine Auferstehung preisen wir, bis du kommst in Herrlichkeit.» Indem Passion, Ostern und Vollendung angesprochen werden, denken wir also nicht nur daran zurück, was einst in Jerusalem geschehen ist, sondern gedenken Jesu, der hier und jetzt unter uns ist.
Die Fassung im ökumenischen Liederbuch «rise up» mit der Musik von Hans Neidhardt mag für junge Menschen ansprechender sein. Sie beginnt jedoch gleich mit der Antwort der Gemeinde und wird so aus dem Zusammenhang gerissen. Der Ruf «Geheimnis des Glaubens» darf keinesfalls fehlen und kann zum Beispiel von der Pfarrperson als Aufforderung zum Singen an die Gemeinde gesprochen werden.
Auch nach 23 Jahren hat dieser Gesang bei uns noch wenig Tradition. Es ist wünschenswert, dass er – so wie das «Sanctus» – auch aus unserer Abendmahlsliturgie nicht mehr wegzudenken ist.

Monatslied März 2022
Ich steh vor dir mit leeren Händen, Herr RG 213
Mit diesem Lied liegt uns ein kunstvolles Gemeinschaftswerk vor. 1961 schrieb der Komponist Bernard Maria Huijbers die Melodie als Alternative zu den Melodien des Genfer-Psalters. Wie die Komponisten um Calvin benutzt auch Huijbers fast ausschliesslich zwei Notenwerte. Der Melodieverlauf ist sehr linear und der Text ist syllabisch unterlegt, das bedeutet, pro Note steht eine Silbe.
Fünf Jahre später schrieb Huub Oosterhuis den Text, der 1973 vom Frankfurter Dichter-Pfarrer Lothar Zenetti ins Deutsche übertragen wurde.
Wo Worte fehlen sind Liedstrophen wie diese äusserst wertvoll. Was sagt man bei einem tragischen Todesfall, bei einem Terroranschlag, im Moment, da Menschen alles verlieren? Wie begegnet man Menschen, die in tiefer Trauer und Verzweiflung sind?
Der ehemals niederländische Jesuit Huub Oosterhuis verstand sich nach seinem Ausschluss aus dem Orden als überkonfessioneller Theologe und Dichter. Als Leiter der Amsterdamer Studentenekklesia erlebte er, wie ein erst 26 jähriges Mitglied starb, worauf er den Text für eine Totenliturgie schrieb. Dafür entstand auch das Lied «Ik sta voor U in leegte en gemis» (wörtlich «Ich steh vor dir in Leere, fehlgeschlagen»). Er äussert darin Zweifel und Fragen. «Ich steh vor dir mit leeren Händen, Herr; fremd wie dein Name sind mir deine Wege. … Ich möchte glauben, komm mir doch entgegen. Von Zweifeln ist mein Leben übermannt. … Bist du der Gott, der Zukunft mir verheisst?» Durch alle Verse hindurch zieht sich das Du. Gott wird persönlich angesprochen, zweifelnd und klagend, fragend und bittend. Und schliesslich flammt da doch noch Vertrauen auf, wenn am Ende gesungen wird: «Du bist mein Atem, wenn ich zu dir bete.»

Monatslied Februar 2022
Dir, Gott, ist nichts verborgen RG 96
«Herr, du hast mich erforscht und du kennst mich.» Mit diesen Worten beginnt der Psalm 139, ein Psalm Davids. Im Lied von Maria Luise Thurmair (1971) steht zu Beginn: «Dir, Gott, ist nichts verborgen.» Thurmair bediente sich dazu an der Fassung des 139. Psalms aus dem Psalter von Caspar Ulenberg (1582).
Wenn ich mir vorstelle, dass jemand alles über mich weiss, ihm nichts verborgen bleibt, ist das geradezu unheimlich. Wie ist es denn, wenn Gott alles von mir weiss? – In der Dichtung Ulenbergs und Thurmairs spüre ich dieses Unheimliche nicht mehr. Denn sie macht deutlich, dass weil Gott mich durch und durch kennt, er auch für mich da sein kann. Egal, was ich tue, was ich denke, was ich empfinde, er weiss es, er kennt und versteht es.
Ich kann nicht in den Himmel fliegen und vor ihm fliehen, aber ich kann sicher sein, dass wenn ich in den Abgrund stürze, er auch da ist und mich auffängt. So lese ich es aus
den Worten im Lied.
Trotz all den schönen Worten wage ich Zweifel zu äussern. Gedanken an Menschen in Kriegsgebieten, an Menschen auf der Flucht ins Irgendwo, wo sie nicht Willkommen sind,
oder gar abgewiesen werden, hinterlassen viele Fragen. Ist denn Gott auch bei Ihnen? Kennt er auch sie durch und durch? Fängt er auch sie auf? – Nein, ich will damit nicht sagen, dass man dieses Lied so nicht singen darf. Singen kann eine Form des Betens sein, gemeinsames Singen kann eine Kraft ausstrahlen und zusammenführen. Darum wünsche ich mir, dass unsere Gemeinde mutig und aus ganzem Herzen singt.

Monatslied Januar 2022
Kleines Senfkorn Hoffnung RU 028
In der frühen Zeit des neuen geistlichen Liedes NGL entstand dieses Lied voller Gleichnisse. Sowohl der Textdichter Alois Albrecht als auch der Komponist Ludger Edelkötter wurden in die ersten Kriegsjahre hinein geboren. In dieser Zeit die Hoffnung aufrecht zu erhalten war wichtiger denn je und gelang sicher nicht immer. Albrecht schreibt denn auch – angelehnt an das Gleichnis vom Senfkorn (Mk 4,30) – fünf kleine Gleichnisse zu diesem kostbaren Gut. Da sind das Senfkorn, der Funke, die Münze, die Träne und das Sandkorn, alles kleinste Dinge. Aus allen kann etwas Grosses wachsen, wenn wir sie beachten, zulassen, teilen. Dem unscheinbaren kleinen Anfang steht etwas Grosses gegenüber. Es geht vielmehr um den Kontrast als um das Wachstum.
Wenn auch Dichtung und Melodie kein Kunstschatz sind, so ist doch der Inhalt des Textes mit all den Bildern vielsagend.

Monatslied Dezember 2021
Wir ziehen vor die Tore der Stadt RG 378
Unzählige Menschen erleben das Draussensein: Ausgegrenzte, Asylsuchende, Verstossene, Arbeitslose, Kranke, Obdachlose.
Im Monatslied aufgenommen ist der Text aus dem Hebräerbrief: «Lasst uns hinausgehn zu ihm aus dem sicheren Lager unserer Ehre und draussen die Schmach tragen, die er trug.» (Hb 13, 13)
Jesu Leben beginnt draussen vor den Toren Bethlehems, in der Futterkrippe in einem Stall. Als Flüchtling muss er mit seinen Eltern den Ort verlassen. Als Wanderprediger führt ihn sein Weg zu Aussenseitern – und schliesslich stirbt er draussen vor den Toren Jerusalems den Tod eines Schwerverbrechers, eines Aussenseiters.
Sowohl der Textautor Gottfried Schille als auch der Komponist Manfred Schlenker lebten in der ehemaligen DDR und gehörten zu den Christen, die unbeirrt gegen Angst und Gefahr
aufstanden und sich für Bedrohte und Ausgegrenzte einsetzten. Die Melodie erinnert mit ihren Quartsprüngen zu Beginn der Verszeilen an Fanfaren, an Trompetensignale und der Rhythmus lässt einen marschieren. So verbinden sich Text und Musik zu einem grossen Aufruf, einem
Aufruf sich einzusetzen für Ausgegrenzte.
Im reformierten Gesangbuch steht das Lied bei den Adventsliedern, im katholischen bei den Passionsliedern. Advents- und Passionszeit sind in einem besonders miteinander
verbunden – in der Ankunft. So erzählt der Bericht vom Palmsonntag von der Ankunft und dem Einzug Jesu in Jerusalem, und jetzt, im Advent, warten wir auf die Ankunft des Gottessohnes.

Monatslied November 2021
Es wird sein in den letzten Tagen RG 861
Im Monat November begleitet uns ein visionäres Lied. Der Textdichter Walter Schulz (1925–2009), Theologe und u.a. Jugendpastor in Mecklenburg, liess sich von den Versen aus Jesaja 2,2–5 inspirieren: «Am Ende der Tage wird es geschehen: Der Berg des Hauses des HERRN steht fest gegründet als höchster der Berge; er überragt alle Hügel. Zu ihm strömen alle Nationen. Viele Völker gehen und sagen: Auf, wir ziehen hinauf zum Berg des HERRN und zum Haus des Gottes Jakobs. Er unterweise uns in seinen Wegen, auf seinen Pfaden wollen wir gehen. Denn vom Zion zieht Weisung aus und das Wort des HERRN von Jerusalem. Er wird Recht schaffen zwischen den Nationen und viele Völker zurechtweisen. Dann werden sie ihre Schwerter zu Pflugscharen umschmieden und ihre Lanzen zu Winzermessern. Sie erheben nicht das Schwert, Nation gegen Nation, und sie erlernen nicht mehr den Krieg. Haus Jakob, auf, wir wollen gehen im Licht des HERRN.» Fast gleich steht der Text in Micha 4,1–3.
Hier wird die Vision einer Zukunft ohne Gewalt und Krieg aufgezeichnet, ein Traum, der unerreichbar scheint. Völker von Ost, West, Nord und Süd sollen zusammenkommen, niemand mehr soll Waffen tragen, Schwerter sollen zu Pflugscharen werden. Und schliesslich fragt der Dichter, ob uns denn das Prophetenwort aus längst vergangener Zeit durch alle Finsternis tragen kann, in die Gottesstadt, leuchtend und weit. Der Refrain steht als Aufruf herbeizukommen und im Licht Gottes zu wandeln.
Schulz schrieb das Lied erstmals 1963, vor der Zeit der kirchlichen Friedensbewegung «Schwerter zu Pflugscharen », angesichts der bedrohlichen Wiederaufrüstung der Grossmächte. Ab 1980 wurde das Zitat zum Symbol der Abrüstungsinitiativen in der DDR. 1985 komponierte Manfred Schlenker dazu die Melodie, geprägt von einer markanten Quart als Zeichen für die Propheten-Rede. Sie kehrt sechsmal wieder.
Das Zitat «Schwerter zu Pflugscharen» findet sich auch umgekehrt. So heisst es beim Propheten Joel: «Schmiedet Schwerter aus euren Pflugscharen.» In den Weltkriegen wurden aus Kirchenglocken Kanonenkugeln gegossen. Das Wort Jesajas aber hat nichts von seiner Aktualität eingebüsst. 1959 schenkte die Sowjetunion der UNO eine Bronzeskulptur von Jewgeni Wutschetitsch, die einen muskulösen Mann zeigt, der ein Schwert zu einem Pflug bearbeitet, und auch vor der Kreuzkirche in Dresden steht seit 2010 ein Denkmal zum Zitat.
Visionen und Träume sind heute notwendiger denn je und zeigen sich immer wieder als Überlebenshilfe.

Monatslied Oktober 2021
Ins Wasser fällt ein Stein RG 105
«Ins Wasser fällt ein Stein, ganz heimlich, still und leise: Und ist er noch so klein, er zieht doch weite Kreise.» So steht es am Anfang des Monatsliedes.
Gedankenreise: Windstiller Abend an einem Bergsee, die Wasseroberfläche spiegelglatt, ich werfe einen Stein, der fällt ins Wasser und zieht Kreise, erst kleine, dann immer grössere, je grösser die Kreise, umso flacher die Wellen. Warten bis das Wasser ganz glatt ist. Ich werfe mehrere Steine gleichzeitig, die fallen ins Wasser und ziehen Kreise, die Kreise berühren und überschneiden sich, werden grösser, flacher, bis das Wasser erneut ganz ruhig ist.
Im Lied wird der Stein mit der Liebe Gottes, das Wasser mit dem Menschen verglichen. «Wo Gottes grosse Liebe in einen Menschen fä llt, da wirkt sie fort in Tat und Wort hinaus in unsere Welt.»
Es besteht aber die Gefahr, dass der Stein auch mal ein Gefühl wie Trauer oder Neid sein kann, oder ein böses Wort. Auch das kann Kreise ziehen, in uns nagen und schmerzen und unser Leben bestimmen. Darum rät der Textdichter: «Nimm Gottes Liebe an. Du brauchst dich nicht allein zu mü hn. Denn seine Liebe kann in deinem Leben Kreise ziehn.»

Monatslied September 2021
Der Herr segne dich RU 113
Es handelt sich hier um einen Popsong des christlichen Songwriters Martin Pepper, geboren 1958 in Kerken, Nordrhein-Westfalen. Er selbst sagt zu seinem Wirken:
«Meine Lieder enthalten lebensbegleitende Weisheiten und Gebete in der Pop-Rock Musik unserer Zeit. Sie wollen Wahrheit und Wärme einer christlichen Gottesbeziehung mit Sinn und Seele zum Ausdruck bringen. Sie sind gleichermassen von selbstbewusster Reflexion wie auch von tiefem Vertrauen geprägt. Meinen christlichen Weg gehe ich in kritischer Treue.»
Dem Kehrvers dieses Liedes liegt der aaronitische Segen zugrunde. Zu lesen ist dieser in Numeri 6,22–26, wo beschrieben ist, wie Gott Aaron und seinen Söhnen durch Mose den Auftrag geben lässt, das Volk Israel mit seinen Worten zu segnen: «Der HERR segne dich und behüte dich; Der HERR lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig; Der HERR erhebe sein Angesicht über dich und gebe dir Frieden.»
Martin Luther setzte sich dafür ein, dass dieser Segenszuspruch seinen festen Platz im evangelischen Gottesdienst bekam und Calvin tat es ihm wenig später gleich.
In den Strophen werden Lebenssituationen geschildert, in welchen uns Gottes Segen und Schutz begleiten sollen. Musikalisch stellt das Lied, sofern es unbekannt ist, grosse Anforderungen an eine Gemeinde. Deshalb lade ich zu einer Probe ein am Sonntag, 5. September, um 9 Uhr in der reformierten Kirche Münsingen.

Monatslied August 2021
Wechselnde Pfade RG 699
«Wechselnde Pfade, Schatten und Licht: Alles ist Gnade, fürchte dich nicht.» Dieser Spruch steht an einem Haus an der Ostseeküste des Baltikums. Er erinnert uns an die wechselnden Pfade in unserem Leben, an die sonnigen und die schattigen Zeiten. All dies soll Gnade sein? Gut, dass sonnige Tage ein Geschenk und damit Gnade sein können, ist leicht zu verstehen. Wie verhält es sich aber mit den schattigen Zeiten? Schatten zu finden an Tagen, an welchen die Sonne schier unerträglich heiss vom Himmel brennt, kann durchaus als Gnade erlebt werden. Wenn wir aber Schweres durchmachen, so empfinden wir diese Schatten vielmehr als Bürde denn als Gnade.
Unser Leben verläuft aber nun mal auf wechselnden Pfaden, mal sonnig, mal schattig. Die Melodie von Gerhard Kronberg (1946) nimmt diese Wogen auf, steigt vom Grundton in Wellen empor und kehrt wieder zu ihm zurück. Er kann für Gottes Liebe stehen, die uns trägt und hält, ob er uns Schatten oder Licht schickt. Schliesslich gilt der Zuspruch: «Fürchte dich nicht.»

Monatslied Juli 2021
Sollt ich meinem Gott nicht singen RG 724
«Sollt ich meinem Gott nicht singen? Sollt ich ihm nicht dankbar sein?» Die beiden Fragen zu Beginn des Liedes können einerseits rein rhetorisch verstanden werden, als Bestärkung der Aussage: «Ich will meinem Gott singen und ihm dankbar sein.» Ebenso gut können die Fragen aus erlebter Not und erfahrenem Leid gestellt werden. Wie viele Gründe gibt es, Gott nicht zu loben? – Sollte ich es nicht trotzdem tun?
In den Versen 1 bis 4 werden Gott der Schöpfer, der Sohn und Erlöser und der Heilige Geist angesprochen. Die weiteren Strophen erzählen von Not, menschlichem Unvermögen, von Angst und Strafe. Mit Ausnahme der letzten enden alle Strophen mit den Worten: «Alles Ding währt seine Zeit, Gottes Lieb in Ewigkeit.» Wir dürfen uns also Gottes Liebe gewiss sein, sowohl hier im irdischen Leben als auch im Leben nach dem Tod.
Ein markantes Merkmal der Texte Paul Gerhardt’s sind die zahlreichen Strophen. Daraus die passenden auszuwählen, ist eine Herausforderung, kann aber bei gelungener Wahl einen Akzent zum Predigtthema setzen. Sollen alle Strophen gesungen werden, bietet sich die Möglichkeit an, daraus eine Liedpredigt zu machen.
Die Melodie von Peter Bertsch, die erst Anfang des 19. Jahrhunderts zum Text hinzukam, ist eingängig und schön zu singen. Wohl ist sie ein triftiger Grund dafür, dass dieses Lied so bekannt und viel gesungen ist. Bei der Nummer 725 findet sich der gleiche Text auf einer Melodie von Johann Schop aus dem Jahr 1641. Sie ist weniger einfach zu singen, kommt aber in ihrer Art einigen Stellen im Text näher.

Monatslied Juni 2021
Danos un corazón RU 274
«Gib uns ein Herz, gross für die Liebe, stark im Kampf.» So lautet die Übersetzung zum Text dieses zweistimmigen Kanons. Text und Melodie stammen von Juan Antonio Espinosa, einem christlichen Liedermacher und Sänger aus Spanien.
Espinosa ist es gelungen in lediglich acht Takten eine grosse Bitte in Wort, Melodie und Rhythmus zu verbinden. Teilt man das Lied in vier mal zwei Takte, so erhält man die Form A – B – A – C, und zwar im Bezug auf Text, Melodie und Rhythmus.
Auf A wird gesungen: «Gib uns ein Herz.» In Teil B steht der Text «gross für die Liebe.» Gleichzeitig wird auch der Tonumfang gross und der Rhythmus ist weich und lieblich.
Zu Teil C gehören die Worte «stark im Kampf.» Hier bewegt sich die Melodie nahe am Grundton und der Rhythmus wirkt bestimmt und unnachgiebig.
Ein kleines und schlichtes Lied, das mit seinem Klang unsere Herzen gross werden lassen kann.

Monatslied Mai 2021
Komm, o Tröster, Heilger Geist RG 515
Dieses Pfingstlied hat seine Wurzeln in der Pfingstsequenz «Veni Sancte Spiritus et emitte caelitus» von Stephen Langton. Der englische Kardinal und Erzbischof von Canterbury (1207 bis 1228) gilt als einer der bedeutendsten Theologen des Mittelalters. Als Kirchenreformer war seine Mitwirkung an der Magna Carta beachtlich. In der Magna Carta wurde unter anderem der Kirche Englands die Unabhängigkeit von der Krone garantiert.
Maria Luise Thurmair, katholische Theologin, Schriftstellerin und Kirchenlieddichterin, verfasste 1970 den deutschen Text. Die fünf Verse gehören unzertrennlich zusammen. Sie
sind Bitte um Beistand des Heiligen Geistes während unseres irdischen Lebens bis hin zur Seligkeit.
Wie der Text wurzelt auch die Melodie in einer sehr frühen Fassung, nämlich in der Weihnachtscantio «In natali Domini» aus dem 15. Jahrhundert. Der Tonumfang ist mit einer
Sexte eher klein. Nach dem Aufstieg in der ersten Zeile gipfelt die Melodie am Ende der zweiten Zeile im höchsten Ton, um in der dritten Zeile wieder zum Grundton zurück
zu kehren.

Monatslied April 2021
Agios o Theos RG 234
Aus dem Kapitel «Anbetung und Lob» haben wir das «Trishagion», den Lobruf aus der griechischen Liturgie, als immer wiederkehrendes Lied für den Monat April gewählt. Leicht verändert findet sich der Text im Refrain des mittelalterlichen, von Martin Luther überarbeiteten Liedes «Mitten wir im Leben sind» RG 648: «Heiliger Herre Gott, heiliger starker Gott, heiliger unsterblicher Gott, erbarm dich über uns.» Als Anrufung Gottes findet das Lied seinen Platz zu Beginn des Gottesdienstes. Es kann sowohl Einleitung und Abschluss zu einem Gebet als auch den Rahmen zu einer Psalmlesung bilden. Nicht zu verwechseln ist dieser Gesang mit dem Sanctus aus der Messe.
Die beiden Oberstimmen zeichnen in Terzenparallelen einfache und leicht singbare Bogen, während sich die Bassstimme ohne selbständige Melodieführung vorwiegend auf den Hauptstufen bewegt.

Monatslied März 2021
Da wohnt ein Sehnen tief in uns Ru 077
In einer Welt mit Krieg, Streben nach Macht, Flucht, Angst und Pandemie wird das Sehnen tief in uns immer grösser. Es ist ein Sehnen nach Frieden und Freiheit, wenn wir sehen, wie Menschen, ja ganze Völker unterdrückt werden. Da ist ein Sehnen nach Heilung und Ganzsein in allem, was uns bedrückt und krank macht. Es ist ein Sehnen nach Glück, Liebe und Hoffnung für uns selber, für Menschen um uns herum, ganz nah und auch die weit Entfernten. Im Lied wird Gott direkt angesprochen: «Da wohnt ein Sehnen tief in uns, o Gott, nach dir.» In den Versen heisst es immer wieder «…bitten wir.» Dieses bitten wir macht den Text zu einem Gebet. Mit dem Aufbau von Kehrvers und Strophen lässt sich das Gebet gut im Wechsel sprechen und uns bitten: «Sei da, sei uns nahe, Gott.»
Sowohl die Melodie als auch der ursprüngliche Text «There is a longing in our hearts, o Lord» stammen von der englischen Komponistin und Liturgin Anne Quigley. Sie schrieb dazu einen dreistimmigen Chorsatz mit Begleitung. Im rise up ist lediglich die einstimmige Fassung mit dem deutschen Text von Eugen Eckert abgedruckt.

Monatslied Februar 2021
Morgenglanz der Ewigkeit RG 572
Text und Melodie dieses Morgenliedes entstanden im 17. Jahrhundert, kurz vor J.S. Bachs Zeit. Der schlesische Dichter Christian Knorr von Rosenroth bediente sich einer bilderreichen barocken Sprache und schuf einige symbolische Bezüge. So weist der Morgenglanz der Ewigkeit auf Jesus hin – Licht vom unerschaffnen Lichte – der als Sohn Gottes die Nacht vertreiben soll, der Morgentau auf Gottes Dasein und die Gnadensonne soll sowohl im irdischen wie im himmlischen Leben scheinen.
Die Melodie geht auf eine Arie Johann Rudolf Ahles zurück und passt mit ihrem barocken Charakter wunderbar zum Text. Die heutige Fassung stammt aus dem Jahr 1704. Im Reformierten Gesangbuch ist der thüringische Kantor und Organist gut vertreten, finden sich doch unter seinem Namen sieben Liednummern. Bei genauem Hinschauen lässt sich erkennen, dass eine Melodie zu vier, eine andere zu zwei Texten verwendet wird. Nur gerade «Morgenglanz der Ewigkeit» hat eine eigene Melodie, welche die Frische des Morgenlichts und das Strahlen des ewigen Lichts zum Ausdruck bringt.
Nun, da ich diese Zeilen verfasse, ist unklar, ob wir im Februar singen dürfen. Aber die Musik wird sicher erklingen, und es lohnt sich, diese zu entdecken.

Monatslied Januar 2021
Nachdem dein Stern in Bethlehem erschienen RG 427
Weihnachten ist vorbei. Viele gute Wünsche zum neuen Jahr sind ausgesprochen worden.
Mitten in diese nachweihnächtliche Zeit stellt Georg Schmid mit seinen Liedversen Fragen, die wohl vielen aus dem Herzen sprechen. Wo bleibt das Licht des Sterns? Was dient uns eine Weihnachts-Botschaft aus vergangener Zeit? Ist alles vergessen in einer Welt voll Hass und Angst? Der Stern müsste doch über mir stehen, so dass sein Licht mir den Weg weisen könnte. Klage, Sehnsucht und Zweifel sprechen aus den ersten Versen.
Doch dann beginnt der Dichter zu bitten für die Menschheit, bitten um ein neues Weihnachten, hier und jetzt.
Die Melodie, von Maria Lohuus eigens für diesen Text komponiert, bietet einige steinige Stellen und verleiht so dem Text Nachdruck. Der Aufstieg zu Beginn bis zum Höhepunkt ist schier unerträglich, doch gegen Ende verbreitet sich eine wohltuende Entspannung.
Bereitgestellt: 26.04.2022     Besuche: 29 Monat
 
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