Monatslied

Texte: Caroline Marti

So klingt das Monatslied
«Wer singt, betet doppelt» sagte bereits der alte Kirchenvater Augustinus – und Luther pflichtete ihm bei.

Monatslied Februar 2023
Von der Zärtlichkeit Gottes RUP 255
«Behutsam will ich dir begegnen.» Mit diesen Worten beginnt Eckart Bücken (*1943) seinen Liedtext. Als eine der Quellen wird Vers 5 aus Psalm 45 angegeben. Überschrieben ist dieser Psalm mit den Worten «Lied zur Hochzeit des Königs». Als weitere Quelle wird Galater 5,22 genannt: «Die Frucht aber des Geistes ist Liebe, Freude, Friede, Geduld, Freundlichkeit, Güte, Treue.»
Des Psalms 45 bedient sich auch Pierre Stutz (*1953) in seinem Psalmgebet «Zärtliche Zuwendung», das ich gerne dem Gedicht Bückens gegenüberstelle.

Zärtliche Zuwendung

Fasziniert
sich einander zuwenden
sich der Herausforderung stellen
konfliktfähiger zu werden

Im zärtlichen Zusammensein
Deine schöpferische Phantasie erfahren
gemeinsam einen Weg wagen
der zur Eigenständigkeit bestärkt

Hohe Zeit
leben und feiern
Deinen Namen rühmen

Du Freundin Geist
die du Menschen zusammenführst
um deine sinnliche Liebe zu vergegenwärtigen

aus: Pierre Stutz, Du hast mir Raum geschaffen, Psalmengebete,
Claudius Verlag


Monatslied Januar 2023
Gott aus Gott und Licht aus Licht RG 430
Aus dem alten Hymnus «Veni redemptor gentium» (Nun komm der Heiden Heiland) wird ein Weihnachts- und Epiphaniaslied unserer Zeit. Was dem Schweizer Textdichter Georg Schmid (*1940) zunächst als unmöglich erschien, gelang ihm schliesslich hervorragend. Er schuf zur Melodie des Ambrosius von Mailand (386) einen Text, in welchem das Geheimnis der Inkarnation besungen wird.
Den zündenden Gedanken erhielt er in einer Chorprobe, in welcher an der Passage aus dem Credo geübt wurde «Deus de Deo, lumen de lumine» (Gott aus Gott, Licht aus Licht). Der Autor selber bemerkt dazu: «Unsere besondere moderne Gabe der mystischen Rede ist das Paradox. … Also stürzte ich mich in meinen zahlreichen Variationen des einen Satzes «Deus de Deo, lumen de lumine» mit besonderer Inbrunst auf die paradoxen Variationen.» Daraus entstanden im Liedtext Gegensätze wie «Gott, der seine Himmel flieht», «König, der sich selbst besiegt», «Lobt die Macht, die sich verneigt». In den ersten sechs Versen wird Gott umschrieben mit Licht, Feuer, Ewigkeit, Himmel, Frucht, Wind, Wort, Wahrheit, Liebe. Sie sind Anrede an Gott, der Mensch geworden und zu uns auf die Erde gekommen ist. Die siebte Strophe schliesslich fordert zum Lob auf. Schmid sagt: «Die letzte Strophe ist eine einzige, verhaltene Verbeugung vor dem Gott, der sich nicht zu schade war, Mensch zu werden.»
Zitate aus G. Schmid / W. Wiesli, «Gott aus Gott und Licht aus Licht» in: Wege zum Lied, Arbeitshilfen zum Gesangbuch, Werkheft 2, Gossau, Basel, Zürich, 1999, S. 111–113, und RG 430.

Monatslied Dezember 2022
Die Nacht ist vorgedrungen RG 372
Advent ist für viele Menschen eine schwierige Zeit. Es ist die Zeit, die ihre besondere Stimmung durch das Miteinander von Licht und Dunkelheit bekommt. Oft wird mit künstlicher Beleuchtung an allen Ecken die Dunkelheit verdrängt. Wir tun uns schwer mit Licht und Dunkel, Freude und Leid, Hoffnung und Angst umzugehen.
Einer, der in seinen Texten diese Stimmungen ausgewogen zum Ausdruck bringen kann, ist der Schriftsteller Jochen Klepper. Er wusste viel von der Nacht. Sein ganzes Leben war ein einziges unablässiges Ringen mit ihr, innerlich und äusserlich, bis hin zum Entschluss, in der Nacht vom 10. auf den 11. Dezember 1942 zusammen mit seiner jüdischen Frau und deren jüngster Tochter freiwillig aus dem Leben zu gehen, um einer bevorstehenden Zwangsscheidung mit anschliessender Deportation von Frau und Kind durch die Nazis zuvorzukommen. Trotzdem verstand es Klepper in seinen geistlichen Liedern Trost zu spenden, Trost nicht durch das Ausblenden der Dunkelheit, sondern durch die Ausrichtung auf «den Stern, der am Himmel steht».
In unserem Monatslied führt er in wunderbarer Weise vom Dunkel ins Licht, spricht die Menschwerdung Gottes an und fordert uns alle auf, zum Stall zu gehen, uns Jesus und Gott zu nähern, uns ihm anzuvertrauen, und das immer wieder, in jeder Nacht und finstern Zeit, die über uns hereinbricht. Gott ist ein verborgener Gott, der im Dunkel wohnt, und doch ist Gott ganz und gar Licht. Darum kann Klepper sagen: «Gott will im Dunkel wohnen und hat es doch erhellt.»

Monatslied November 2022
Bleib bei mir, Herr RG 603
«Bleib bei mir, Herr, der Abend bricht herein». Diese Bitte ist der Emmausgeschichte, Lukas 24, entnommen. Zwei Jünger treffen auf dem Weg von Jerusalem nach Emmaus auf einen Fremden, kommen mit ihm ins Gespräch über den gekreuzigten Jesus. Im Dorf angekommen, will der Fremde weiter gehen, doch die Jünger bitten ihn: «Bleibe bei uns; denn es will Abend werden, und der Tag hat sich geneigt.»
In den weiteren Versen des Liedes ist die Rede vom weichenden Leben, von Fall und Wandel, des Versuchers Macht. Welch grosses Vertrauen setzt der schottische Lieddichter und Pfarrer Henry Francis Lyte dem gegenüber, wenn er immer wieder auf Gottes Dasein hofft und die Paulusworte zitiert: «Was ist der Tod, bist du mir Schild und Zier? Den Stachel nimmst du ihm: Herr, bleib bei mir!» Er schrieb hier kein Abendlied, vielmehr ein Lied für den Lebensabend. An Tuberkulose erkrankt schrieb Lyte 1847 dieses Gedicht. Kurz darauf starb er während einer Kur in Südfrankreich.
Melodie und Satz von William Henry Monk (1861) sind im für Kirchenlieder des englischen Sprachraums typisch klassizistisch-romantischen Stil gehalten. In England wird dieser Satz bei vielen offiziellen kirchlichen Anlässen gesungen. Auch Monk erlebte Schweres, als er seine dreijährige Tochter verlor.
Im November, einem dunkeln Monat, wo wir den Verstorbenen des vergangenen Jahres gedenken, wird dieses Lied in jedem Gottesdienst gesungen. Eine weitere Gelegenheit, es zu singen, sind Abdankungen. Die Musik wirkt wunderbar wohltuend und tröstend. Die Sehnsucht, dass jemand bei uns bleiben möge, ist wohl allen bekannt und wird hier am Ende jeder Strophe besungen mit den Worten: «Herr, bleib bei mir!»

Monatslied Oktober 2022
Der Lärm verebbt RU 187
An einem warmen Augusttag sitze ich auf meinem Balkon und suche nach Worten dieses Lied zu beschreiben. «Der Lärm verebbt…» – Just in diesem Moment schwillt ein Lärm an – der Hauswart braust heran auf seinem Rasenmäher.
Das Abendlied erzählt auf den ersten Blick von der Ruhe, die nach einem geschäftigen Tag einkehrt, der Last des Tages, die weicht und von Engeln, die mittragen. Gott wird um seinen Segen gebeten. Diese Ruhe kann auch an einem Sonntag einkehren, nach einer herausfordernden Woche mit Druck und Last. Das Lied ist keineswegs nur am Abend singbar. Da macht sich in mir schon ein Einwand bemerkbar. Was ist denn mit Berufsgruppen, die nachts oder am Wochenende arbeiten? Wie wirkt der Text auf Menschen, für welche die Nacht eine Last ist?
Im Lied geht es nicht nur um die Abendruhe. Da stehen auch grosse Bitten um Recht, wo Unrecht herrscht, um Freiheit derer, die unterdrückt und der Willkür anderer ausgesetzt sind, die Bitte darum, dass sich Menschen für Frieden einsetzen, wo dieser fern und verloren scheint – eine Bitte, die immer wieder aktuell ist.
Die ruhige Melodie aus Schweden trägt all diese Bitten in den Raum, in die Nacht, in den Tag, in die Woche.

Monatslied September 2022
Ein heller Morgen RG 578
Frisch und fröhlich kommt er daher, der Morgenkanon. Unzählige solcher Morgen, wo Dunkel und Schatten weichen und die Matten in der Morgensonne leuchten, haben wir in den letzten Wochen erlebt.
«Ein heller Morgen ohne Sorgen» – Es kann sein, dass Sorgen an einem sonnigen Morgen für einen Moment kleiner erscheinen als wenn es bewölkt, düster und nass ist. Aber die vielen sonnigen Morgen, der ausbleibende Regen und die dadurch entstandene Trockenheit lassen neue, andere Sorgen entstehen. So sorgen sich Menschen, welche beruflich aber auch privat auf den Ertrag ihrer Felder und Gemüsegärten angewiesen sind, wegen der mageren Ernte.
«Die Flur und der Wald erwacht» – Der Belpberg ist braun, Wälder färben sich nicht leuchtend gelb und rot, sondern braun, Fische in den Seen sterben im zu warmen Wasser. Da gibt es kein Erwachen mehr.
«Des Schöpfers Macht hat Licht gebracht» – Hoffnung ist da, die Hoffnung, dass Gott doch Licht in unser Dunkel bringen und uns unsere Sorgen tragen hilft. Diese Hoffnung möge uns helfen, fröhlich in diesen Kanon einzustimmen.

Monatslied August 2022
Adoramus te RU 119
Wohl einer der kürzesten Gesänge aus der Communauté de Taizé im Burgund begleitet uns durch den August. «Adormamus te, Domine» – übersetzt: Wir beten dich an, Herr – kann in Taizé-Gebeten mehrmals nacheinander gesungen werden, wie es bei diesen Liedern üblich ist. Dahinter steckt die Absicht, eine meditative Stimmung zu erreichen. In unsern Gottesdiensten empfehle ich eher, den Gesang als Gebetsruf vor und nach einem Gebet einzusetzen.
Der Komponist Jacques Berthier (1923–1994) wurde Mitte des 20. Jahrhunderts von der noch jungen Gemeinschaft in Taizé angefragt, einfache Kompositionen für ihre Feiern zu schreiben. In der Folge schrieb er 284 Gesänge mit einer sich stetig wiederholenden Melodie. Er selbst sagte dazu: «Ich bin sehr auf die Liturgie ausgerichtet. – Ich weiss nicht, wozu das nützen sollte, Konzertstücke für meine Organistenkollegen zu schreiben, die davon schon eine Menge haben.»
Oft war Berthier aber enttäuscht, wenn er seine Lieder gesungen hörte. «Bisweilen höre ich schreckliche Gesänge; aber ich sehe, dass die Menschen beten. Also sage ich mir, dass es vielleicht nicht so schlecht ist.»

Monatslied Juli 2022
Danket dem Herrn RG 248
Aus dem Kapitel «Anbetung und Lob» sind Lieder bekannt wie «Nun danket alle Gott», «Allein Gott in der Höh’ sei Ehr» und «Grosser Gott wir loben dich». Im aktuellen Gesangbuch erstmals aufgenommen ist das Lob- und Danklied «Danket dem Herrn». Beim Singen kann einem schon der eine oder andere Psalmvers einfallen. Auffällig ist, dass die letzten Worte jeder Strophe noch zweimal wiederholt werden, was der Komponist Karl Friedrich Schulz 1810 mit zweimal demselben Motiv in unterschiedlicher Höhe sehr klassizistisch vertont hat.
Karl Friedrich Wilhelm Herrosee, Sohn einer Hugenottenfamilie, verfasste vor 1810 den Text. Zu Beginn der Strophen 1, 2, 5 und 6 fordert dieser auf, «Danket dem Herrn! Lobet den Herrn! Betet ihn an! Singet dem Herrn!». Musikalisch wird dieser Aufruf jeweils akzentuiert durch ein einstimmiges Fanfarenmotiv. In den beiden mittleren Versen beschreibt Herrosee Gottes Grösse, seine Macht, sein Tun.
Das Lied wirkt in seiner Schlichtheit sehr ansprechend und so eignet es sich besonders um die Gemeinde in vollem Klang singen zu lassen: «Lobsinget dem Herrn in frohen Chören, denn er vernimmt auch unsern Lobgesang!»

Monatslied Juni 2022
Komm, Schöpfer Geist, kehr bei uns ein RG 499
Der Pfingsthymnus «Veni creator spiritus» ist von Hrabanus Maurus (um 780–856), einem bedeutenden Benediktinermönch und Abt des Klosters Fulda, überliefert. Als Gebet, das sich direkt an den Heiligen Geist richtet, wurde er spätestens seit dem 10. Jahrhundert im Stundengebet der Pfingstoktav – die acht Tage von Pfingsten bis Trinitatis – gesungen. Seit dem 12. Jahrhundert ist der Hymnus immer wieder übersetzt worden. Die Fassung in unserem Gesangbuch stammt aus der Feder von Abraham Emanuel Fröhlich (1844). Martin Luthers Übersetzung begann mit den Worten «Komm, Gott, Schöpfer, Heiliger Geist», was auch den abweichenden Titel der Orgelchoräle Bachs erklärt. Während bei Luther bereits zu Beginn aufgezählt wird, was uns Gott durch die Gegenwart des Heiligen Geistes alles schenkt, kommt dies in der Übersetzung Fröhlichs erst im zweiten Vers zum Ausdruck: «Tröster, des Höchsten höchste Gab, des Lebens Quell, die wahre Sonn, der Seele Labung, Lieb und Wonn».
In der Übertragung des Schweizer Theologen und Kirchenmusikers Markus Jenny (1924–2001) bei der RG-Nummer 500 finden wir eine zeitgemässe Sprache. Wie der lateinische Text bleibt auch Jennys Fassung ohne Reim. Verständlich und schnörkellos passt sich der Text der Schlichtheit der gregorianischen Melodie an.
Um dem gregorianischen Gesang möglichst nahe zu bleiben, steht die Melodie in Choralnotation, das heisst, dass die Noten lediglich aus Notenköpfen bestehen. Dies soll uns ermöglichen, keinen festen Rhythmus singen zu müssen, sondern der Melodie den Rhythmus der Sprache zu verleihen.

Monatslied Mai 2022
Liebe ist nicht nur ein Wort RU 286
Sowohl Text als auch Melodie stammen aus dem Jahr 1973. Es geht um drei Begriffe, die nicht nur Worte, sondern auch Taten seien, so schreibt der Autor Eckart Brücken. «Als Zeichen der Liebe ist Jesus geboren. Als Zeichen der Freiheit ist Jesus gestorben. Als Zeichen der Hoffnung ist Jesus lebendig.» Zu jedem dieser Worte wird ein Bibelvers angegeben. Zur Liebe steht in Joh 3,16: «Denn so sehr hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen einzigen Sohn gab.» Paulus ermahnt die Galater in der christlichen Freiheit festzustehen. Gal 5,1: «Für die Freiheit hat uns Christus frei gemacht; darum stehet fest und lasset euch nicht wieder unter ein Joch der Knechtschaft bringen.» Im Brief an die Kolosser 1,27 schreibt Paulus: «Ihnen (allen, die Gott in seine Gemeinschaft ruft) wollte Gotte kundtun, welches der Reichtum der Herrlichkeit dieses Geheimnisses unter den Heiden sei, welcher ist: Christus in euch, die Hoffnung
auf die Herrlichkeit.»
«Liebe ist nicht nur ein Wort, Liebe das sind Worte und Taten.» Dazu gehört, jemanden wahrzunehmen, zu respektieren mit all seinen Seiten, ihn nicht klein zu machen und ihm zu sagen, was er alles nicht ist und nicht kann. Wo Liebe im Alltag fehlt, kann es zur Belastung werden, wo sie gelebt wird, kann sie zum Segen werden.
Der zweistimmige Satz ist schlicht gehalten. Das Tempo ist eher ruhig zu wählen, da sonst die kleinen Notenwerte gehetzt und unruhig wirken.

Monatslied April 2022
Deinen Tod, Herr, verkünden wir RU 118
«Deinen Tod, o Herr, verkünden wir…» ist als Antwortgesang der Gemeinde seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil fester Bestandteil der katholischen Eucharistiefeier.
Seit 1998 steht dieser Gesang im reformierten Gesangbuch unter der Nummer 310 in der ökumenischen Fassung und sucht sich in der reformierten Abendmahlsliturgie als Antwort auf die Einsetzungsworte festzusetzen. Pfarrperson und Gemeinde singen im Dialog: «Geheimnis des Glaubens:» – «Deinen Tod, o Herr, verkünden wir, und deine Auferstehung preisen wir, bis du kommst in Herrlichkeit.» Indem Passion, Ostern und Vollendung angesprochen werden, denken wir also nicht nur daran zurück, was einst in Jerusalem geschehen ist, sondern gedenken Jesu, der hier und jetzt unter uns ist.
Die Fassung im ökumenischen Liederbuch «rise up» mit der Musik von Hans Neidhardt mag für junge Menschen ansprechender sein. Sie beginnt jedoch gleich mit der Antwort der Gemeinde und wird so aus dem Zusammenhang gerissen. Der Ruf «Geheimnis des Glaubens» darf keinesfalls fehlen und kann zum Beispiel von der Pfarrperson als Aufforderung zum Singen an die Gemeinde gesprochen werden.
Auch nach 23 Jahren hat dieser Gesang bei uns noch wenig Tradition. Es ist wünschenswert, dass er – so wie das «Sanctus» – auch aus unserer Abendmahlsliturgie nicht mehr wegzudenken ist.

Monatslied März 2022
Ich steh vor dir mit leeren Händen, Herr RG 213
Mit diesem Lied liegt uns ein kunstvolles Gemeinschaftswerk vor. 1961 schrieb der Komponist Bernard Maria Huijbers die Melodie als Alternative zu den Melodien des Genfer-Psalters. Wie die Komponisten um Calvin benutzt auch Huijbers fast ausschliesslich zwei Notenwerte. Der Melodieverlauf ist sehr linear und der Text ist syllabisch unterlegt, das bedeutet, pro Note steht eine Silbe.
Fünf Jahre später schrieb Huub Oosterhuis den Text, der 1973 vom Frankfurter Dichter-Pfarrer Lothar Zenetti ins Deutsche übertragen wurde.
Wo Worte fehlen sind Liedstrophen wie diese äusserst wertvoll. Was sagt man bei einem tragischen Todesfall, bei einem Terroranschlag, im Moment, da Menschen alles verlieren? Wie begegnet man Menschen, die in tiefer Trauer und Verzweiflung sind?
Der ehemals niederländische Jesuit Huub Oosterhuis verstand sich nach seinem Ausschluss aus dem Orden als überkonfessioneller Theologe und Dichter. Als Leiter der Amsterdamer Studentenekklesia erlebte er, wie ein erst 26 jähriges Mitglied starb, worauf er den Text für eine Totenliturgie schrieb. Dafür entstand auch das Lied «Ik sta voor U in leegte en gemis» (wörtlich «Ich steh vor dir in Leere, fehlgeschlagen»). Er äussert darin Zweifel und Fragen. «Ich steh vor dir mit leeren Händen, Herr; fremd wie dein Name sind mir deine Wege. … Ich möchte glauben, komm mir doch entgegen. Von Zweifeln ist mein Leben übermannt. … Bist du der Gott, der Zukunft mir verheisst?» Durch alle Verse hindurch zieht sich das Du. Gott wird persönlich angesprochen, zweifelnd und klagend, fragend und bittend. Und schliesslich flammt da doch noch Vertrauen auf, wenn am Ende gesungen wird: «Du bist mein Atem, wenn ich zu dir bete.»

Monatslied Februar 2022
Dir, Gott, ist nichts verborgen RG 96
«Herr, du hast mich erforscht und du kennst mich.» Mit diesen Worten beginnt der Psalm 139, ein Psalm Davids. Im Lied von Maria Luise Thurmair (1971) steht zu Beginn: «Dir, Gott, ist nichts verborgen.» Thurmair bediente sich dazu an der Fassung des 139. Psalms aus dem Psalter von Caspar Ulenberg (1582).
Wenn ich mir vorstelle, dass jemand alles über mich weiss, ihm nichts verborgen bleibt, ist das geradezu unheimlich. Wie ist es denn, wenn Gott alles von mir weiss? – In der Dichtung Ulenbergs und Thurmairs spüre ich dieses Unheimliche nicht mehr. Denn sie macht deutlich, dass weil Gott mich durch und durch kennt, er auch für mich da sein kann. Egal, was ich tue, was ich denke, was ich empfinde, er weiss es, er kennt und versteht es.
Ich kann nicht in den Himmel fliegen und vor ihm fliehen, aber ich kann sicher sein, dass wenn ich in den Abgrund stürze, er auch da ist und mich auffängt. So lese ich es aus
den Worten im Lied.
Trotz all den schönen Worten wage ich Zweifel zu äussern. Gedanken an Menschen in Kriegsgebieten, an Menschen auf der Flucht ins Irgendwo, wo sie nicht Willkommen sind,
oder gar abgewiesen werden, hinterlassen viele Fragen. Ist denn Gott auch bei Ihnen? Kennt er auch sie durch und durch? Fängt er auch sie auf? – Nein, ich will damit nicht sagen, dass man dieses Lied so nicht singen darf. Singen kann eine Form des Betens sein, gemeinsames Singen kann eine Kraft ausstrahlen und zusammenführen. Darum wünsche ich mir, dass unsere Gemeinde mutig und aus ganzem Herzen singt.

Monatslied Januar 2022
Kleines Senfkorn Hoffnung RU 028
In der frühen Zeit des neuen geistlichen Liedes NGL entstand dieses Lied voller Gleichnisse. Sowohl der Textdichter Alois Albrecht als auch der Komponist Ludger Edelkötter wurden in die ersten Kriegsjahre hinein geboren. In dieser Zeit die Hoffnung aufrecht zu erhalten war wichtiger denn je und gelang sicher nicht immer. Albrecht schreibt denn auch – angelehnt an das Gleichnis vom Senfkorn (Mk 4,30) – fünf kleine Gleichnisse zu diesem kostbaren Gut. Da sind das Senfkorn, der Funke, die Münze, die Träne und das Sandkorn, alles kleinste Dinge. Aus allen kann etwas Grosses wachsen, wenn wir sie beachten, zulassen, teilen. Dem unscheinbaren kleinen Anfang steht etwas Grosses gegenüber. Es geht vielmehr um den Kontrast als um das Wachstum.
Wenn auch Dichtung und Melodie kein Kunstschatz sind, so ist doch der Inhalt des Textes mit all den Bildern vielsagend.
Bereitgestellt: 26.01.2023     Besuche: 65 Monat
 
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