Pfarrteam Münsingen

Pfarrer*innen-Würfeln 2.17

PfarrerWürfeln (Foto: Anita Zocchi)

Viele Fragen blieben unbeantwortet an der Langen Nacht der Kirchen; insgesamt 22 Fragen befanden sich noch im Turm. Hier nun jede Woche, immer von Freitag bis Donnerstag, eine neue Frage mit Antwort.
Euer Pfarrteam
Simon Grebasch,
Frage: "Wo ist die Kirche in 20 Jahren?"







Antwort von Pfr. Simon Grebasch:

Im Jahreszahlen ausgedrückt: Wo ist sie im Jahr 2045? Das wird um meine Pensionierungszeit herum sein. Antwort: Ja, wenn ich das wüsste? Wer weiss das schon? Wird die Entwicklung linear weiter verlaufen oder wird es aufgrund plötzlicher Ereignisse unerwartete Entwicklungen geben?

Dennoch: Mögliche Szenarien können ausgedacht, Tendenzen ausgemacht und Prognosen gestellt werden. Gerne hätte ich an dieser Stelle an den/die Fragesteller:in zurückgefragt: Wo sehen Sie die Kirche denn? Und welche Kirche meinen Sie – die weltweite(n) Kirche(n) bzw. das globale Christentum? Oder einfach die reformierte, deutsch-schweizerische Landeskirche?

Vorausgesetzt, es läuft alles nach den jüngsten Trends ungebrochen weiter, lauten die Prognosen der Trendforscher für die hiesigen Landeskirchen:

Die ref. Kirchen der Schweiz werden weiter schrumpfen bzgl. Mitgliederzahlen (1) (1985: 2,21 Mio., 2005: 1,92 Mio., 2025: >1,40 Mio.) In den letzten 10 Jahren hat die ref. Kirche schweizweit rund 320'000 Mitglieder verloren (davon allein 100'000 in den letzten beiden Jahren). Der Bevölkerungsanteil sank von 43% im 1985 auf 31% im 2005 und >18% im 2025. Wie genau sich der Trend fortsetzen wird, ist schwierig abzuschätzen. Geht es im gleichen Stil weiter, werden wir im 2045 noch eine halbe Million Reformierte haben; zu einer vom BFS aufgerechneten Bevölkerung von 10,1 Mio. macht das dann nur noch rund 5% (2).

Die Säkularisierung wird weiter voranschreiten. Der ref. Kirche droht, ihre Stellung als offizielle «Landeskirche» zu verlieren, was Folgen haben könnte für die Partnerschaft Kirche-Staat und die Finanzierung aus Staatsmitteln. Andere religiöse Gemeinschaften neben der katholischen Kirche werden zahlenmässig zur Konkurrenz (Evangelische Gemeinschaften, Islam) und werden ihrerseits Anerkennung fordern. Die Frage ist, wer von den Players auf dem religiösen Markt wieviel vom Kuchen erhalten wird, und wie viel Geld der Staat dafür auszugeben bereit und noch übrig haben wird. Die Finanz-Reserven werden zunehmend angezapft und die ref. Kirchgemeinden sehen sich zu eigenem Fundraising gezwungen. Gespannt darf man sein, wie der Staat die wachsenden Herausforderungen in Diakonie, Seelsorge und Altersarbeit und – pflege angehen und bezahlen wird, wenn die Kirche gleichzeitig darin weniger wird leisten und entlasten können. Ältere Personen werden in der ref. Kirche weiterhin ein Zuhause finden und sich vermehrt zu gegenseitiger Hilfe organisieren.

In vielen Kirchengebäuden wird es weniger oder keine Gottesdienste mehr geben. Sie werden architektonisch modernisiert oder umgenutzt. Kirchen werden vermehrt von religiös- oder Ruhe-Suchenden Personen bepilgert werden. Gottesdienstformen werden sich weiter verändern, die Digitalisierung wird weiter voranschreiten. Die Kirchenmusik wird sich verändern in der Hinsicht, dass weniger gesungen, dafür mehr Vielfalt und Popularmusik einziehen wird. Es wird viel weniger bezahlte Mitarbeitende in Landeskirchen geben, besonders weniger ausgebildete Amtspersonen (Pfarrpersonen (3), Sozialdiakone, Katechetinnen), Kirchenmusiker und auch Ehrenamtliche. Möglich dass sich die ganze Leitungsstruktur der neuen personellen Situation anpassen muss. Man wird vermehrt Kirchgemeinden sehen, die regional kooperieren wegen der personellen und finanziellen Ressourcenknappheit.

Die Kirchenlandschaft wird sich ändern, besonders gerade für die ref. Landeskirche. Dass Menschen Vergebung, Ermutigung, Spiritualität und Antworten auf die grossen Fragen suchen, wird zeitlos aktuell bleiben (4).

Ich bin gespannt, was eintreffen wird - wir reden hoffentlich im 2045 nochmals miteinander, oder schon vorher 😉 - Danke für die spannende Frage!



(1) Vgl. https://de.statista.com/statistik/daten/studie/770276/umfrage/evangelisch-reformierte-in-der-schweiz/ und
https://www.eks-eers.ch/kirchenstatistik-2024-reformierte-kirche-verliert-mitglieder-bleibt-aber-starke-gesellschaftliche-kraft/

(2) https://www.bfs.admin.ch/bfs/de/home/statistiken/kataloge-datenbanken.assetdetail.34687099.html

(3) Im Jahr 2025 werden knapp 100 Pfarrpersonen pensioniert bei gleichzeitig 30 Ordinationen. Im Jahr 2045 werden nach Hochrechnungen noch 20 Pfarrpersonen pensioniert werden, bei gleichzeitig vielleicht einer Handvoll Theologiestudenten, falls die theologischen Fakultäten an den Unis dann noch existieren...
(Quelle: https://kirchenstatistik.spi-sg.ch/die-situation-in-den-evangelisch-reformierten-kirchen/). Viele von den Kirchgemeinden angebotenen Stellen können bereits jetzt nicht mehr besetzt werden (vgl. https://www.refbejuso.ch/strukturen/stellenmarkt-kirchgemeinden).

(4) Vgl. Zitat von Andreas M. Walker, Zukunftsforscher, in: https://reformiert.info/de/recherche/zukunftsforscher-ldie-landeskirche-hat-ihren-platz-im-21-jahrhundert-noch-nicht-gefundenr-23225.html
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