Pfarrer*innen-Würfeln 2.11
Viele Fragen blieben unbeantwortet an der Langen Nacht der Kirchen; insgesamt 22 Fragen befanden sich noch im Turm. Hier nun jede Woche, immer von Freitag bis Donnerstag, eine neue Frage mit Antwort.
Euer Pfarrteam
Simon Grebasch,
Frage: "Was ist moderne Kirche?"
Antwort von Pfr. Simon Grebasch:
Danke auch für diese Frage! Sie tönt simpel, und doch ist nicht ganz klar, wie sie zu verstehen ist. Eher «dogmatisch»: Sollte sich die Kirche den modernsten Trends anpassen oder eher an der Bibel oder Tradition orientieren (vgl. exemplarisch den Modernismusstreit in der kath. Kirche)? Oder mehr «pragmatisch»: Wie sollte ein modernes Kirchenangebot und Kirchenleben aussehen, damit sie Menschen anspricht? Im Sinne von: Was macht eine Kirche modern? Vielleicht steckt ja ein bisschen von beidem in der Frage. Ich komme gleich darauf zurück.
Begrifflich streng genommen befinden wir uns in der Zeitlinie längst nach der «Moderne», die auf ca. 1880-1920 datiert wird. Für alles danach bis heute werden die Begriffe «Postmoderne» oder sogar «Postpost-Moderne» verwendet.
Allerdings wird das Adjektiv «modern» in der Alltagssprache auch einfach für das, was in der Gegenwart «In» ist gebraucht, im Gegensatz zum «Veralteten» und «Untauglich-Gewordenen».
Je nach dem, wie die (pragmatische) Frage beantwortet wird «Welche Kirche wollen wir (sein)?» wird die Antwort anders ausfallen. Wollen wir eine Kirche, die v.a. unserem (eigenen) Geschmack passt? Oder eine Kirche, welche anderen passt? Welchen anderen? Eine Kirche, welche sich die «Jesus Culture» zum Leitbild macht, mag modern sein, weil sie einem modernen Trend entspricht. Aber sie spricht vielleicht einen Liebhaber der traditionellen Kirchenmusik oder auch der «Metal Church» weniger an. Es kommt also ziemlich rasch die nächste Fragen auf, nämlich: Welche Zielgruppe wollen wir erreichen und was müssen wir tun, damit diese angesprochen werden?
Eine weitere wichtige Frage ist die (dogmatische) Frage nach der Originalität und Identität: «Welches ist die richtige Kirche?» bzw. «Wann ist die Kirche wirklich Kirche?» bzw. «Wann kann überhaupt noch von Kirche gesprochen werden?» und damit verbunden die Frage nach dem Auftrag und Inhalt. Welchen Inhalt wollen wir transportieren und welchen Auftrag haben wir oder geben wir uns als Kirche überhaupt?
Die Mehrzahl der Christen und Kirchgänger sind sich grob darüber einig, dass die Kirche den Glauben an Jesus Christus zu ihrer identitären Grundlage und den Auftrag hat, das Evangelium – die gute Nachricht – von Jesus Christus zu bezeugen (vgl. Art. 1+2 der Verfassung der ev.-ref. Landeskirchen des Kt Bern). Allerdings bedarf das in der Bibel bezeugte Evangelium der Aktualisierung in die heutige Zeit und der Kontextualisierung in die jeweiligen Milieus und Sprachen. Und damit sind wir wieder beim Anpassungsthema, wie weit diese Aktualisierung an Zeit und Kultur gehen darf und soll.
Zu den vier Grund-Aufträgen der Urkirche gehören übrigens Gottesdienste feiern (griech. leiturgia), Gemeinschaft (koinonia), Diakonie (diakonia) und die Bezeugung von Bibel und Jesus Christus in Verkündigung und persönlichem Leben (martyria). Seit der Reformation werden sie manchmal noch um einen fünften Auftrag erweitert – die christliche Unterweisung (paideia).
Ich denke nicht, dass wir diese Grund-Aufträge abändern müssten, um «modern» zu sein. Dazu ist ausreichend, sie – am biblischen Ursprung orientierend – neu der Zeit gemäss zu denken und ansprechend zu füllen. Und vielleicht wäre es im Angesicht der Post(post)moderne an der Zeit, noch drei weitere Aufträge hinzuzufügen: Spirituelle Begleitung, Seelsorge und Bewahrung der Schöpfung.