Henriette Cann-Guthauser

«Blue Christmas» – Licht in längster Nacht

Bild Licht in längster Nacht_Henriette (Foto: Henriette Cann-Guthauser)

Freuen Sie sich auf Weihnachten? Können Sie die Festtage kaum erwarten? Dann freuen wir uns mit Ihnen und wünschen Ihnen von Herzen fröhliche Weihnachten! Wir laden Sie herzlich ein, das Fest der Liebe in unserer Gemeinde gemeinsam zu feiern.
Wir sind aber auch für Sie da, falls Ihnen beim blossen Gedanken an Heilig Abend blau im Gemüte wird.
Henriette Cann-Guthauser,
Wenn Ihnen dieses Jahr oder überhaupt Glitzerdeko, Adventsapéro und Weihnachtsgeschenke gestohlen bleiben können, dann sind Sie nicht alleine. Mir jedenfalls geht es oft auch so, erst recht seit dem Verlust eines Familienmitglieds genau in dieser Zeit. Wir sind nicht alleine mit unseren «blauen» Gefühlen in diesen dunkelblauen Tagen:

I'll have a blue Christmas without you
I'll be so blue just thinking about you
Decorations of red on a green Christmas tree
Won't be the same dear, if you're not here with me

And when those blue snowflakes start falling
That's when those blue memories start calling
You'll be doing all right
With your Christmas of white
But I'll have a blue, blue, blue, blue Christmas


Elvis Presley spricht all jenen aus dem Herzen, die gerade in dieser «heiligen Zeit» einen Verlust besonders schmerzlich spüren. Andere belastet der Kontrast zwischen der allgemein fröhlichen Festtagsstimmung und ihrer eigenen Erfahrung von Einsamkeit, Behinderung oder Erinnerung.

Uns tut es vielleicht gut, sich zu erinnern, dass der Advent eigentlich als blaue oder violette Fastenzeit gedacht ist. Es sind Wochen der Besinnung und der Vorbereitung. So versuchte die Kirche vor Jahrhunderten, das Wunder von Weihnachten noch zu vergrössern. Dies ist nicht als Vertröstung auf scheinbar gute alte Zeiten zu verstehen, sondern als Versicherung, dass «blaue» Gefühle in der Vorweihnachtszeit durchaus dazu gehören.

Schliesslich war die Gesellschaft im Heiligen Land zur Zeit der Zeitenwende geprägt von Unsicherheit und Unterdrückung, Gefahr und Gewalt. Das Volk Israel hoffte auf die baldige Ankunft (lat. adventus) des Retters, wie er von den Propheten verheissen war; man erwartete einen starken Helden, der auf seinem Streitwagen mit den Engeln der himmlischen Heerschren herab braust, und aufräumt mit Ungerechtigkeit und Leid, Bedürftigkeit und Hunger.

Wir alle haben «alle Jahre wieder» schon gehört, dass es ganz anders kam; beziehungsweise eben genau so kam, wie eine der prophetischen Stimmen vorausgesagt hatte. So wagte Jesaja, ein paar Jahrhunderte vor Jesu Geburt zu verkünden: «Das Volk, das in der Finsternis lebt, hat ein großes Licht gesehen. Es scheint hell über denen, die im düsteren Land wohnen. … Denn uns wurde ein Kind geboren, ein Sohn ist uns geschenkt worden. Ihm wurde die Herrschaft übertragen. Er trägt die Namen: wunderbarer Ratgeber, starker Gott, ewiger Vater, Friedefürst. Seine Herrschaft ist groß und bringt Frieden ohne Ende. Er regiert als König auf dem Thron Davids und schafft Recht und Gerechtigkeit.» (Jesaja 9, 1, 5-6 – BasisBibel)

Für mich ist dies die Botschaft dieser Tage: Gottes Licht scheint in unsere Finsternis. Gott wird nicht Mensch in der Idylle des «holden Knaben im lockigen Haar», sondern als ein Kind, das mitten in die Zerbrechlichkeit und Gebrochenheit unserer gelebten Realität hinein geboren wird: zu Eltern in (noch) nicht stabilen Verhältnissen, in Abenteuer und Armut, in unhygienischster Umgebung, auf Migration oder sogar Flucht. Das Licht, das Hoffnung und Frieden verbreitet scheint also zunächst nur ganz fein am Horizont.

Neben den traditionellen Weihnachtsgottesdiensten bietet unsere Kirchgemeinde deshalb auch verschiedene Gelegenheiten, sich die oft nur diffusen Strahlen dieser ursprünglichen Hoffnungsbotschaft ins Herz scheinen zu lassen:

Wem eine kurze Auszeit gut tut, ist herzlich eingeladen zur adventlichen Oasenstunde im Chappeli.

Die Feier «Licht in längster Nacht» wendet sich ganz besonders an Menschen, denen der blosse Gedanke an die Festtage ein Gräuel ist. Hier gibt es weder Adventstrubel oder Weihnachtsdeko, noch billigen Trost, sondern Solidarität im Leid und die Ahnung der Gegenwart Gottes in der Finsternis.

Diejenigen, welchen der Gedanke an das unermessliche Leid im Nahen Osten und das Gebet für den Frieden besonders am Herzen liegt, empfehlen wir die ökumenische Friedenslichtfeier. Sie findet dieses Jahr in der katholischen Kirche statt.

Alle, die Weihnachten in einem traditionellenRahmen feiern, aber an Heilig Abend nicht alleine sein möchten, begrüssen wir gerne zum «Zäme Wiehnachte fyre».

Sie sind zu allen Anlässen herzlich willkommen, auch wenn Ihnen nicht weihnachtlich zumute ist.

Seien Sie gesegnet mit dem Frieden Gottes, dem Licht, das uns auch in tiefster Nacht scheint.

Pfarrerin Henriette Cann-Guthauser

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Bereitgestellt: 14.12.2024