Anita Zocchi

Schlafes Bruder - Gedanken zum Ewigkeitssonntag

Symbol 2 (Foto: Anita Zocchi)

Liebe Leserin, lieber Leser
Ich möchte Euch heute auf eine Schatzsuche mitnehmen. Die Schatztruhe ist unser Kirchengesangbuch. Die darin befindlichen Schätze sind Abendlieder. Ich finde, dass Abendlieder besonders gut in den November passen, wo wir uns an die Verstorbenen erinnern, wie zum Beispiel am Ewigkeitssonntag. Was haben also Abendlieder mit dem November und dem Gedenken an die Verstorbenen zu tun?
Anita Zocchi,
In vielen Abendliedern wird auch das Sterben und der Tod thematisiert. Das Wortpaar «einschlafen und entschlafen» zeigt diese Nähe. Und ein anderer Name für den Tod ist ja auch «Schlafes Bruder». Von J.S. Bach kennen wir zum Beispiel den Choral: «Komm, o Tod, du Schlafes Bruder» (BWV 56, 5). Die Nähe von Tod und Schlaf, Sterben und Einschlafen ist offensichtlich. Darum mache ich mich auf die Schatzsuche in unserem Gesangbuch, auf die Suche nach schönen und tröstlichen Texten zu Sterben und Tod.
Das vielleicht bekannteste Abendlied ist sicher «Der Mond ist aufgegangen» von Matthias Claudius gedichtet (Nummer 599). Hier gibt es eine ganze Strophe zum Thema Sterben und Tod: 6. Wollst endlich sonder Grämen aus dieser Welt uns nehmen durch einen sanften Tod; und wenn du uns genommen, lass uns in’ Himmel kommen, du unser Herr und unser Gott. Zwei Sachen fallen mir auf; es ist ein Bittgebet und ein Vertrauensgebet. Es wird um einen sanften Tod gebetet und um die Aufnahme in den Himmel. Und das Vertrauen zeigt sich darin, dass es Gott ist, der unser Herr ist und der uns aus der Welt nehmen wird.
Noch deutlicher wird es im Lied «Nun ruhen alle Wälder» (gleiche Melodie wie «O Welt, ich muss dich lassen»), das von Paul Gerhardt gedichtet wurde (Nummer 594). Er webt beinahe in jede Strophe das Thema Sterben und Tod mit ein. In der dritten Strophe beschreibt er die Hoffnung, dass wir nach dem Tod einmal als Sternlein am Himmelszelt stehen werden. In der vierten Strophe werden die weltlichen Kleider als Zeichen der Sterblichkeit gesehen, während uns Christus einmal den Rock der Ehr und Herrlichkeit anlegen wird. In der fünften Strophe schimmert die Hoffnung auf, dass wir vom Elend dieser Erden und von der Sünden Arbeit frei werden. In der sechsten Strophe wird neben dem Bett hier auch von einem anderen Bett gesprochen: Es kommen Stund und Zeiten, da man euch wird bereiten zur Ruh ein Bettlein in der Erd. In der siebten und achten Strophe schliesslich geht es darum, dass Leib und Seel in Gnaden aufgenommen werden sollen und dass Jesus uns unter seine Flügel nimmt, damit der Satan uns nicht verschlingen kann. Paul Gerhardt hat also durchgängig neben der Nachtruhe auch die ewige Ruhe vor Augen. Sein Gedicht ist geprägt von einer eindrucksvollen Gefasstheit, die bedingt ist durch die Gewissheit, dass der Tod zwar einen Abschluss markiert, zugleich aber auch den Ausgangspunkt des ewigen Lebens ist.
Ein Gedicht von Kurt Rommel ist im Lied «Vom hohen Baum der Jahre» (Nummer 602) aufgenommen. Hier wird das Leben mit einem Baum verglichen, bei dem jeden Abend ein Blatt zu Boden fällt, das für einen Tag steht. In der letzten Strophe hat Rommel gedichtet: Du, Herr und Gott, hilf mir so leben, als ob morgen das letzte bunte Blatt vom Baum zu Boden fiele. Mir gefällt dieses Bild und auch das Gebet, das Rommel hier formuliert. Wir wissen zwar nicht, wie viele Blätter oder eben Tage unser Lebensbaum hat, doch wir können so leben, dass es uns nicht erschrecken muss, wenn einmal das letzte Blatt fällt, der letzte Tag gekommen ist. Um diese heilsame innere Haltung wird hier gebetet.
Mein persönliches Lieblingslied unter den Abendliedern finden wir bei der Nummer 603: «Bleib bei mir Herr! Der Abend bricht herein». Es ist eine Übersetzung von Henry Francis Lyte’s Gedicht «Abide with me». Der letzte Satz des gesamten Liedes weist darauf hin, dass es nicht nur darum geht, dass Gott am Abend bleiben soll: Im Leben und im Tod, Herr, bleib bei mir. Im ganzen Lied wird die Nähe von Nacht und Tod, vom Ende des Tages und dem Ende des Lebens spürbar. Wie bald verebbt der Tag, das Leben weicht, heisst es zum Beispiel in der zweiten Strophe. Und in der vierten Strophe kommt es sogar dazu, dass dem Tod jeglicher Schrecken abgesprochen wird: Was ist der Tod, bist du mir Schild und Zier? Den Stachel nimmst du ihm.
Alle fünf Strophen enden mit der Wendung: Herr, bleib bei mir! Alle fünf Bittrufe fassen jeweils die Stossrichtung der einzelnen Strophen zusammen: Hilf dem, der hilflos ist: Herr, bleib bei mir. In der ersten Strophe geht es also um Furcht, Hilflosigkeit, ja Trostlosigkeit angesichts der Nacht und der Finsternis. In der zweiten Strophe wird vom Verblassen des Erdenruhms und dem steten Wandel auf der Erde gesprochen. So schliesst sich hier die Aussage an: Unwandelbar bist du: Herr, bleib bei mir. In der dritten Strophe geht es um Unsicherheit, das Verlieren des Haltes und um die Bitte des Naheseins Gottes gegen den Versucher. So mündet diese Strophe zu: In Licht und Dunkelheit, Herr, bleib bei mir. Den Schluss der vierten Strophe haben wir schon angeschaut: Den Stachel nimmst du ihm: Herr, bleib bei mir. Gemeint ist natürlich der Stachel des Todes. Denn nach den von Angst, Unstetigkeit und Unsicherheit geprägten ersten drei Strophen, wird hier nun eine Ruhe sichtbar. Der Beter fühlt sich in der Hand Gottes, von ihr geführt, deshalb muss er nicht einmal mehr den Tod fürchten. Die fünfte Strophe ist ganz dem Thema Sterben und Tod gewidmet: Halt mir dein Kreuz vor, wenn mein Auge bricht; im Todesdunkel bleibe du mein Licht. Es tagt, die Schatten fliehn, ich geh zu dir. Im Leben und im Tod, Herr, bleib bei mir! Es geht um die Sterbestunde und auch um die Auferstehung, das Heimgehen zu Gott.
Wir haben uns also einige Schätze angeschaut, die nicht nur den Abend und die Nacht, nicht nur zur Ruhe gehen und Einschlafen zum Thema haben, sondern eben auch Schlafes Bruder, den Tod. Aber sie bleiben nicht bei Sterben und Tod stehen, sondern alle tragen auch die Hoffnung in sich auf das Ewige Leben, ein Leben bei Gott. Denn es gibt ja noch weitere Wortpaare neben «einschlafen/entschlafen». Ich denke da an «aufwachen/auferwecken» oder an «aufstehen/auferstehen». In allen Liedern kommt also die Hoffnung zum Ausdruck, dass es nach der Nacht, dem Entschlafen eine Auferweckung, eine Auferstehung geben wird. Deshalb sind für mich diese Lieder Schätze, denn sie sind tröstlich und hoffnungsstiftend.
Eine kleine Trouvaille möchte ich zum Schluss noch mit Euch teilen. Es ist ein Weihnachtslied, ja, ein Kinderlied. Ich spreche vom Lied «Das isch de Stärn vo Bethlehem» aus der Zäller Wiehnacht von Paul Burkhard (Nummer 426). Was hat dieses Lied mit Sterben und Tod zu tun? Sehr viel, denn in der letzten Strophe wird in einem wunderschönen Bild vom Sterben gesprochen: Lobed und danked öisem Stärn, folged im naa und folged gärn! Äimaal dänn winkt er öis und träit übere öis i d’Ewigkäit.
Pfarrerin Anita Zocchi

Herzliche Einladung zu den Feiern am Ewigkeitssonntag, 24. November 2024:
10.00 Uhr: Gottesdienst mit Gedenken an die Verstorbenen des vergangenen Jahres
17.00 Uhr:Musikalisch-liturgische Feier mit der Kantorei Münsingen und Auszügen aus ihren Konzerten vom 23. und 24. November.
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Bereitgestellt: 08.11.2024