Matthias Galli-Reinhardt

Wie haben Sie’s mit Weihnachten?

Zimtsterne (Foto: pixabay)

Viele Menschen lieben die Advents- und Weihnachtszeit. Manchmal können sie diese Zeit kaum erwarten. Die Vorfreude ist riesig. Und wohl überall auf diesem runden Erdenball wird Weihnachten in unterschiedlichster Form zelebriert. Noch immer ist dieser Feiertag mit all seinen Traditionen ein Höhepunkt im Kalenderjahr vieler Menschen.
Das ist wunderbar.
Matthias Galli,
Aber ich weiss auch: Es gibt sie. Menschen, welche Weihnachten nicht mehr mögen. Menschen, die der Adventszeit am liebsten aus dem Wege gehen möchten. Für sie ist die «Heilige Zeit» ein Graus.

Und ich muss gestehen, ich kann diese Menschen manchmal verstehen. Denn sie legen bei mir den Finger in eine offene Wunde. Kein anderes Fest ist in unseren Breitengraden mit solch hohen Erwartungen besetzt wie Weihnachten. Und selbst den Kirchenfernsten – oder den längst schon aus der Institution Kirche Ausgetretenen – ist dieses Fest tief im Bewusstsein verankert. Auch wenn dies heutzutage, ich muss es unumwunden zugeben, wohl eher der Werbe- und Konsumindustrie, als denn den Kirchen zu verdanken ist.

Spätestens im Oktober wird man bereits mit den ersten Weihnachtskatalogen versorgt. Und ist einmal ein Anfang gesetzt, ist diese Werbelawine nicht mehr aufzuhalten. Die Kaufkraft scheint in dieser Zeit nach Konsum zu lechzen. Weihnachtsangebote schiessen wie Pilze aus dem Boden. Weihnachtsmärkte gibt es mittlerweile spätestens ab November überall um die Ecke. Manche Menschen und Christenmenschen verfallen darauf über Wochen in einen ungesunden Einkaufrausch und vorweihnachtliche Stressattacken. Der Gang durch die Einkaufszonen wird derart zum Spiessrutenlauf.

Und spätestens – ich rede aus eigener Erfahrung –, wenn am Tag von Heilig Abend, kurz vor Ladenschluss noch die allerletzten Geschenke schnell besorgt werden müssen, während die Familie unter dem Tannenbaum bereits ungeduldig wartet, versetzt es so einige in schiere Panik und Angstzustände. Denn so Vieles wird doch tatsächlich von diesem Tag erwartet: möglichst individuelle Geschenke, kulinarische Höchstflüge, stimmungsvolle Dekorationen, harmonische Familienzusammenkünfte, Friede auf Erden...

Wohl auch deshalb höre ich immer häufiger von Mitmenschen die manchmal klagende manchmal resignierte Aussage: «So kann es nicht weitergehen. Das macht doch keinen Sinn mehr. All diesen offenen und verdeckten Erwartungen kann und will ich nicht mehr gerecht werden. Ich mach da nicht mehr mit. Das nächste Weihnachtsfest muss anders werden!»

Wie bereits erwähnt, ich kann diese Menschen verstehen. Sie sind ein ernstzunehmender Stachel in meinem Fleisch. Weil ich denke, wir sind zumindest als Gesellschaft wirklich drauf und dran, den wahren Sinn des Weihnachtsfestes zu verwässern, wenn nicht sogar zu verlieren.

Denn was feiern wir an Weihnachten eigentlich? Was ist das Wesentliche an Weihnachten?

Wir feiern, dass Gott unter uns Menschen Einzug erhält. Wir feiern, dass Gott mit der Geburt von Jesus von Nazareth für uns Menschen erfahrbarer wird. Als kleines, auf Hilfe angewiesenes Kind ist er in die Welt geboren. Und da liegt er nun in Lumpen gewickelt in einer ärmlichen Hütte zwischen den Tieren im Stroh. Irgendwo im Nirgendwo. Und mit ihm läge dort der leise Aufbruch in eine neue, friedlichere und gerechtere Zeit. Mit uns. Für uns.

So simpel ist die Botschaft dieses Festes. In ihrer schlichten Form völlig unspektakulär, aber in ihrem Inhalt für uns Menschen kaum fassbar und unendlich wertvoll.

Eigentlich, liebe Leserinnen und Leser, verdiente diese Botschaft vor allem leise Töne und andächtiges Staunen. Ja, ein schlichtes und ruhiges Fest müsste Weihnachten meiner Meinung nach sein. Ein Fest, das uns die Musse und die Zeit verschafft, gemeinsam mit unseren Liebsten und Nächsten das Staunen über dieses einmalige Geschehen wieder einzuüben. Das Staunen über die Botschaft von Weihnachten: Liebe, Friede, Gemeinschaft.

Verstehen Sie mich bitte nicht falsch. Es geht mir nicht darum, die Freude an Weihnachten zu trüben oder liebgewonnene Traditionen abzuschaffen. Aber ganz viele dieser Traditionen werden erst wieder den ihnen gebührenden Platz einnehmen können, wenn wir diese Zeit und Musse zurückgewonnen haben: Adventskranz, Adventskalender, Weihnachtsgebäck, Weihnachtsbaum, Weihnachtsessen, Weihnachtsgeschenke und vieles mehr. Alle diese Dinge hatten ursprünglich den Zweck, auf die Botschaft von Weihnachten hinzuweisen. Sie bildeten sozusagen den Rahmen, in dem das Wesentliche von Weihnachten zu seiner Geltung kommen sollte. Werden diese Traditionen jedoch zum Selbstzweck oder nehmen einen zu grossen Stellenwert ein, dann verschwindet die weihnachtliche Botschaft plötzlich still und leise durch die Hintertür der Bedeutungslosigkeit.

Dies darf meiner Meinung nach nicht passieren. Deshalb plädiere ich – als der weihnachtliche Idealist, der ich nach wie vor bin – für ein «Reframing», eine Neuinterpretation des derzeitigen weihnachtlichen Rahmenprogramms. Frei nach dem Motto «Weniger ist mehr». Und so nehme zumindest ich mir in dieser Adventszeit fest vor, die Zeit und die Musse für das Hören auf die Botschaft von Weihnachten wieder vermehrt zu suchen: Ein Adventskalender für die Kinder anstelle deren vier, Adventskranz anstelle überbordender Adventsbeleuchtung, drei Sorten Weihnachtsgebäck anstelle deren 12, Wienerli und Kartoffelsalat am Weihnachtsabend anstelle Braten mit reichhaltigsten Beilagen, schlichter Weihnachtsbaum mit Kerzen und Äpfeln anstelle Glitzers und Glanz, handgeschriebene Briefe als Geschenk anstelle grosser Lego-Packung oder teurem Märklin-Set?

Ob’s mir wohl gelingt? Ich weiss es nicht. Aber Sie dürfen mich im Januar dann gerne danach fragen.

Eine gesegnete Advents- und Weihnachtszeit Euch allen
Matthias Galli-Reinhardt, Pfarrer

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