Geschichte
Die ältesten Bauteile der Kirche befinden sich unter dem Turm. Dort sind Reste eines römischen oder frühchristlichen Memorial zu sehen. Eine erste Saalkirche mit halbrunder Apsis wurde im 9. oder 10. Jahrhundert an dieses Memorial angebaut.
Eine zweite Kirche in frühromanischem Stil wurde im 11. oder 12. Jahrhundert über der ersten Kirche errichtet. Sie hatte einen grösseren, rechteckigen Chor und zwei Seitenschiffe, so dass der Grundriss der Kirche die Form eines Kreuzes hatte. Die Kirche mit Chor endete dort, wo heute die zwei Stufen zum Chor sind.
Im 15. Jahrhundert wurde die Kirche zu einer langgestreckten Saalkirche in gotischem Stil umgebaut. Das nördliche Querhaus wurde abgerissen und über dem südlichen Querhaus wurde der Turm errichtet. Im Osten wurde ein polygonaler Chor angebaut, der fast die heutige Grösse des Chors erreichte.
1709 erreichte die Kirche die heutige Grösse. Abraham Dünz II. riss den Chor ab und baute einen neuen breiteren, polygonalen Chor an die bestehende Kirche an und deckte den ganzen Raum mit einer flachen Decke, so dass eine grosse Saalkirche entstand. Die Kanzel der Vorgängerkirche wurde in die neue, resp. erweiterte Kirche eingebaut. Die Gemeinde Münsingen schenkte damals den Taufstein mit grossem, vergoldetem M als Verzierung des Steins.
Bei allen Bauarbeiten ist nicht sicher, ob es sich jeweils um völlige Neubauten über den alten Grundmauern oder um Erweiterungsbauten handelte.
1786 erhielt die Kirche die heutige barocke Empore.
1902 baute Karl Indermühle die Kirche um. Er deckte das Kirchenschiff mit einem Holztonnengewölbe. Der Chor wurde mit einem Chorbogen vom Kirchenschiff optisch getrennt. Im Chor zog er ein Gipsgewölbe mit angedeuteten Rippen und vier Schlusssteinen ein. Die Schlusssteine enthalten die Evangelistensymbole. Damit die Kirche etwas kürzer wirkt, färbte er die Chorwände blau und verzierte sie im Heimatstil.
Indermühle gestaltete auch den Turm gründlich um. Der baufällige mittelalterliche Turm mit den vier Ecktürmchen, der 1795 einen neuen Helm bekommen hatte, wurde auf 47 Meter erhöht. Das heutige Aussehen hat er seit 1938.
Die westliche barocke Vorhalle wurde 1915 angebaut.
Die drei Chorfenster im Jugendstil, entworfen von Alois Balmer um 1900, wurden erst 1919 eingesetzt. Sie stellen die Bergpredigt dar.
1976 wurde die frühere Groll-Orgel durch die heutige Metzler-Orgel ersetzt.
In den 1960er Jahren galten Heimat- und Jugendstil als veraltet. Die Wände wurden weiss überstrichen und auch die Fenster waren in Gefahr, durch andere ersetzt zu werden.
Bei der Renovation der Kirche 2014 kamen die Grundmauern der Vorgängerbauten zum Vorschein. Die Kirche erhielt eine Bodenheizung und einen einheitlichen Sandsteinboden. Man stellte die ehemaligen Farbtöne der Chorwände fest und bemalte den Chor nach alten Fotos im Sinne von Karl Indermühle. Die Kirche Münsingen hat damit einen einmaligen Chorraum im Heimatstil zurückerhalten.