Rückblick – Vortragsreihe in Münsingen

Sternenhimmel<div class='url' style='display:none;'>/</div><div class='dom' style='display:none;'>ref-muensingen.ch/</div><div class='aid' style='display:none;'>333</div><div class='bid' style='display:none;'>2878</div><div class='usr' style='display:none;'>110</div>

Im November 2019 hat die Kirchgemeinde zu drei Vortragsabenden zum Thema «Schweizer TheologInnen – ihre Theologie und ihr Wirken in der Zeit» eingeladen. Anlass dazu gab die Tatsache, dass sowohl der schweizerische Reformator Ulrich Zwingli, wie auch der bekannteste Schweizertheologe im 20. Jahrhundert, Karl Barth, im Jahr 2019 je ein Jubiläum hatten. Bei Ulrich Zwingli ist es gerade 500 Jahre her, seit er Leutprieser am Grossmünster in Zürich geworden ist und Karl Barth hat genau vor 100 Jahren den ersten Kommentar zum Römerbrief veröffentlicht.
Der erste Vortragsabend, am 7. November 2019, war dem Reformator Ulrich Zwingli gewidmet. Mit Pfarrer Dr. theol. Samuel Lutz, dem ehemaligen Synodalratspräsidenten, hatten wir einen ausgewiesenen Zwinglikenner zu Gast, der uns den Reformator, seine Theologie und sein Wirken sehr kompetent, lebendig und anschaulich präsentierte. Samuel Sutz stellte seinen Vortrag unter das Thema «Wahrheit, Verstand und Gottvertrauen. Zwinglis liberale Offenheit und sein soziales Engagement». Und wer Zwingli als theologisch konsequenten und bibeltreuen, (kirchen)politsch radikalen, wehrhaften und auch unduldsamen Charakter kennengelernt hat, konnte an diesem Abend durchaus noch neue Züge am Reformator entdecken: Seine in vieler Hinsicht modern anmutende liberale theologische Offenheit und sein Einsatz für sozial Schwächere. So hat Zwingli – anders als viele seiner Zeitgenossen – beispielsweise durchaus anerkannt, dass Gott sich in sehr verschiedener Art in der Welt zeigen kann und dass es nicht nur eine mögliche und richtige Art der Gotteserkenntnis gibt.
Die stattliche Zahl von Teilnehmerinnen und Teilnehmer erlebte einen informativen, interessanten und auch kurz-weiligen Abend. Es hat jedenfalls niemand bereuen müssen, noch einmal «von Haus» gegangen und ins Kirchgemeindehaus gekommen zu sein.

Am zweiten Abend, 14. November 2019, war Pfarrerin Maja Zimmermann, seinerzeitige erste Münsterpfarrerin in Bern, unsere Referentin. Die Vorbereitungsgruppe hatte nämlich beschlossen, dass im Rahmen der Vortragsreihe nicht nur von berühmten Männern und ihrem Beitrag zu Theologie und kirchlichem Leben die Rede sein solle, sondern dass auch ein Blick auf «den Weg von Frauen zur Theologie und ins Pfarramt» (so der Titel des Vortrags von Maja Zimmermann) geworfen werden soll. Es ist ja erst ein paar Jahrzehnte her, seit Frauen offiziell und beruflich Theologie treiben und Pfarrerinnen sein können. Und noch ist es längst nicht in allen christlichen Kirchen möglich. Darum konnte Maja Zimmermann nicht aus einer (jahrhunderte)langen Reihe von Vorgängerinnen eine besonders berühmte herausgreifen. Sie hat sich beholfen, indem sie an verschiedenen Beispielen aufgezeigt hat, wie seit biblischen Zeiten Frauen auf tatkräftige, geist-volle, ideenreiche, ausdauernde, mitunter auch listige und unerwartete Art dafür gesorgt haben, dass sie zu ihrem Recht gekommen sind und mit ihren Anliegen Gehör gefunden haben.
Eine besondere und persönliche Note hat der Abend dadurch bekommen, dass die Referentin auch eigene Erfahrungen aus dem Münsterpfarramt hat einfliessen lassen. Auch dieser Abend war eine «Perle», welche die vielen ZuhörerInnen bereichert hat.

Der dritte und letzte Abend gehörte ganz dem grossen Theologen Karl Barth. Oder jedenfalls fast. Denn auch etwas einem quasi noch Hiesigen, nämlich Herrn Prof. Matthias Zeindler, Titularprofessor für Dogmatik an der theologischen Fakultät Bern, aufgewachsen in Münsingen. Am 21. November referierte dieser zum Thema «Karl Barth: Theologe – Christ – politischer Mensch».
Wer sich beruflich in Europa mit Dogmatik, also der Lehre von den Glaubenssätzen auseinandersetzt, kommt wohl kaum an jenem Mann vorbei, der auch in der Nähe, nämlich in Bern aufgewachsen ist und für die Darstellung seines Glaubens rund 9300 Seiten, verteilt auf 13 Teilbände + 1 Registerband gebraucht hat und das in einer Art und Weise und Zeit tut, welche Generationen von Theologinnen und Theologen, ja von theologisch Interessierten markant beeinflusst hat. Barth macht’s als ausgesprochen christozentrischer Theologe, der sich politisch immer wieder dezidiert eingemischt hat.
Auf seinem gesamten Lebensweg begleitete er die politischen Kämpfe und Auseinandersetzungen des 20. Jahrhunderts aktiv und gestaltete sie mit. So machte ihn beispielsweise sein Engagement für die Arbeiterschaft schnell zum „roten Pfarrer“ oder «Genosse Pfarrer». In den 30er Jahren war er der Kopf des kirchlichen Widerstandes in Nazideutschland, was ihm die Entlassung aus seinem Lehrstuhl in Bonn eintrug. Daraufhin wurde er umgehend in Basel zum Professor für Theologie berufen. Dies hinderte Bundesrat Eduard von Steiger nicht, ihn einmal als «Staatsfeind Nr. 1» zu bezeichnen. Im Kanton Bern unterlag Barth zeitweilig sogar einem Redeverbot. Immer wieder predigt er Gott als den «ganz Anderen». Egal ob auf dem universitären Katheder, der kirchlichen Kanzel oder in der baslerischen Strafanstalt. Damit will er zeigen, dass Gott nicht ein blosser Wunscherfüller und Lieferant von sogenannt christlichen Werten ist, sondern dass wir von ihm immer noch mehr erwarten dürfen als wir zu wünschen und zu hoffen wagen. So geht von seinem Werk eine grosse Ermutigung für ein heutiges Christsein aus. Ausgerechnet verfasst von einem, der sich nicht ungern als Partisan Gottes bezeichnen liess, allerdings als fröhlichen. Davon angesteckt machte sich schliesslich eine ansehnliche Hörerschaft ermutigt auf den Heimweg dem angesagten Advent zu.

Bericht: Verena Schär und Mark Lauper
Bereitgestellt: 12.12.2019    
 
aktualisiert mit kirchenweb.ch